Die Geschichte vom Lightoven

Die Idee

Es muss im Sommer 2010 gewesen sein. Mein Vater war kurz vorher gestorben. Ich saß im Freibad und dachte über mein Leben nach. Gab es etwas, was ich unbedingt noch in der mir verbleibenden Lebensspanne in Angriff nehmen wollte? Die vor Freude quietschenden Kinder im Kontrast zu meiner eher melancholischen Stimmung. Die Sonne schien…

tl_files/lightoven/geschichte/Bild-1.jpg… und auf einmal war die Antwort ganz klar: Ich wollte versuchen, einen Solarkocher zu bauen. Anfang der neunziger Jahre hatte ich das schon einmal versucht. Mit mäßigem Erfolg, denn das Wasser wurde nur lauwarm. Zunächst musste ich wissen, was aktuell auf dem Markt war. Mit Google & Co war das schnell recherchiert. Einen „Sunoven“ aus den USA kaufte ich als Studienobjekt.

Der Sunoven füllte fast den ganzen Kofferraum aus. Für meinen Campingurlaub unbrauchbar. Mein Solarkocher sollte „Lightoven“ heißen. „Light“ für „Licht“ – und für „leicht“. Denn leicht sollte er sein. Und klein zusammenlegbar.

Vom Lightoven I zum Lightoven III

tl_files/lightoven/geschichte/Bild-2.jpgEiner meiner ersten Reflektorprototypen war eine Rettungsfolie – aufgespannt von einem Stangengerüst. Damit konnte man vielleicht Stare von einem Kirschbaum fernhalten, aber nicht kochen.

Der nächste Versuch: Spiegelfolie auf einer Pappschablone in der Form einer Parabel brachte Wasser in einer schwarzen Sigg-Flasche zum Kochen. Aber das Konstrukt war weder wetterfest noch transportabel. Das zu lösende Problem bestand darin, eine genügend exakte Form des Spiegels durch eine mechanische Konstruktion festzuhalten, die sich aber leicht wieder lösen ließ. Eine mit Reflexfolie beklebte Isomatte kam dem schon recht nahe. Nur war der Materialverbund nicht stabil, und das Ganze war immer noch zu sperrig.

tl_files/lightoven/geschichte/Bild-3.jpgEndlose Internetrecherchen später ritzte ich Polypropylen-Hohlkammerplatten ein, um damit einen rollbaren Reflektor zu bauen. Dieses Prinzip sollte ich von nun an beibehalten.

Als Kochgefäß probierte ich alles Mögliche aus: vom Spargeltopf über Würstchendose bis zur abgesägten Trekkingfasche. Sogar eine Dose Faxe Bier leerte ich für diesen Zweck. Für den Lightoven I ließ ich mir dann - wegen der großen Investition nach reiflicher Überlegung - 100 Kochgefäße aus Reinaluminium pressen – evolutionär weiterentwickelt aus einer Sigg-Flasche.

Zum Finish des Lightoven I riet mir ein befreundeter Produktmanager: „Alles Edle steckt in einer passenden Tasche“. So wurde der Topf in einen Microfaserbeutel gesteckt und das ganze kam in einen Packsack von Ortlieb. Alles in schwarz und mit aufgedrucktem Logo, versteht sich.

tl_files/lightoven/geschichte/Bild-4.jpgMarketingaktion: Mit meinem Sohn hatte ich mich an einer Weggabelung postiert, um werbewirksam Solar-Kaffee zu kochen. „Ich würde so einen Kocher kaufen, wenn man mit richtigen Töpfen drauf kochen könnte“, so die Bemerkung einer potentiellen Kundin. „Das Kundenfeedback ernstnehmen“, riet mir der Produktmanager.

Unter der Dusche kam mir dann die Idee mit übereinander gestapelten – richtigen -Töpfen. Dazu noch das passende Kochset mit dem Spirituskocher für Wolkentage, Edelstahldruckknöpfe statt Klettverschlüsse –fertig war das neue Modell mit neuen Möglichkeiten- der Lightoven II.

Allerdings sind Solarkocher Nischenprodukte. Beim Lightoven III vollführte ich daher einen Paradigmenwechsel. Statt edles Design und hohe Leistung anzustreben, verfolgte ich jetzt die Devise größtmöglicher Einfachheit. Und legte den Fokus auf das „automatische“ Kochen, also ohne den Reflektor ständig der Sonne nachführen zu müssen. Der Sonnenstandsanzeiger mit Ampel-Feature rundete das Produkt so ab, dass es auch aus Nutzersicht vollständig ausgereift war.

Ich wäre nun eigentlich fertig gewesen, wenn mir nicht ein Film einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Der Film handelte von dem früheren Greenpeace-Chemiker und Professor für Verfahrenstechnik Michael Braungart…

tl_files/lightoven/geschichte/BIld-5.jpg tl_files/lightoven/geschichte/BIld-6.jpg

Cradle-to-Cradle

In dem Film über Michael Braungart (und in dem Buch, welches ich mir anschließend kaufte) ging es um das „Cradle-to Cradle“-Prinzip. Was meint, dass wir aufhören müssen, in den klassischen Kategorien von Produkten und Abfällen zu denken. Sondern dass es ohne „ab“ geht, ohne Abfälle, Abgase, Abwasser und so weiter. Nur Wertstoffe in endlosen Kreisläufen.

tl_files/lightoven/geschichte/BIld-7.jpgDen Gedanken des „Upcyclings“ hatte ich eigentlich schon früher vorweg genommen. Aus einer Pizzabox, einer leeren Bierdose und einer PET Flasche hatte ich einen funktionierenden Solarkocher gebaut – den Pizzakartonkocher. Dank aluminiumkaschierter Pappe funktionierte der erstaunlich gut. Er ließ sich leicht von Schülern bauen und brachte in einer Stunde einen halben Liter Wasser zum Kochen. Da ich aber auch Solarkocher verkaufen wollte, erschien mir diese Idee für mein Business als Sackgasse.

Mein Reflektor vom Lightoven III war in Braungarts Sinn noch ein klassisches Produkt und würde am Ende seiner Lebenszeit als mäßig recyclebarer Materialverbund aus viel Plastik und ein bisschen Metall enden. Nach dem Cradle-to-Cradle Prinzip kommt es aber darauf an, ein Produkt schon beim Design komplett umweltverträglich auszudenken. Sortenrein zu bleiben. Und die Nutzung in mehreren Lebenszyklen vorwegzunehmen.

Vom Werbeplakat zum Lightoven-Upcycling

Ausgediente Werbeplakate wären ein idealer Grundstoff für den Reflektor. Ich brauchte gar kein frisches Material in einen imaginären Wertstoffkreislauf einzufügen, sondern konnte das nutzen, was ohnehin schon einmal in der Welt ist. Und nebenbei mit dieser Idee bares Geld sparen.

Plakate begleiten meinen Arbeitsweg. Ständig wird für etwas geworben: ein Science-Slam, ein Koch-Event, eine Jugend-Forscht Olympiade. Für die Rohstoffgewinnung brauchte ich nur einige Telefonate und meinen Fahrradanhänger. Mit ihm brachte ich meinen Fang heim: 80 alte Plakate in A1 Format – Grundmaterial für vierzig Solarkocher, die in etwa so groß wie der Lightoven III sein könnten.

Ein Schnittmuster und die passende Reflexfolie waren bald gefunden. Denn damit hatte ich mittlerweile einige Erfahrung. Der „Lightoven Upcycling“ erlebte seine Geburtsstunde. Er überraschte mich selbst mit seiner Leistung, die annähernd so gut wie die vom Lightoven III ist. Und ebenso dauerhaft.

Was für mich das tollste daran ist: dieser Solarkocher lässt sich auch als Bausatz bauen. In Bildungsprojekten lässt sich damit eine ganze Menge über Energie- und Umwelthemen lernen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie neugierig Kinder und Erwachsene die damit vermittelten Inhalte aufnehmen. Und noch jede Menge eigene Ideen entwickeln. Für mich schließt sich damit auch ein Kreis – zurück an den Anfang dieser Geschichte. Zu meinem Vater, der ein passionierter Lehrer war.

Das Energiethema

So lange ich denken kann, bin ich von der Sonnenkraft fasziniert. Energie ist mein Lebensthema.

Als ich Jugendlicher war, in den 1980-er Jahren, fristete die Sonnenenergie ein Nischendasein. Die Mehrheit wirtschaftete bedenkenlos im nuklear-fossilen Zeitalter.

Mit einem Freund unternahm ich viele Radtouren. Eine führte uns bis nach London. Wir waren Autohasser: Wegen ihrer Abgase, weil sie laut waren und unsere bescheidene Radspur gefährdeten. Wenn man mit Muskelkraft durch mehrere Länder reisen konnte, war es da nicht Wahnsinn, selbst für kleinste Wege die Blechkiste stinken zu lassen?

Mein erstes Aha-Erlebnis hatte ich, als ich begriff, dass die Sonne bis zu 1000 Watt pro Quadratmeter einstrahlt. Brauchte man denn mehr als das? Und warum eigentlich?

Im Physikstudium gab es ein Seminar zu Energie- und Umweltfragen. Dort versuchte man uns weiszumachen, dass man mit Sonnenenergie nur einen winzigen Bruchteil des Energiebedarfs decken könne,  selbst wenn man alle in Deutschland verfügbaren Dachflächen nutzt. Eine Energiewirtschaft vollständig basierend auf Erneuerbaren erschien als verrückte Utopie einiger langhaariger Spinner. Die propagierte Lösung: Kernenergie.

Zehn Jahre später forschte ich als Wissenschaftler über kontrollierte Kernfusion - zur Energiegewinnung. Aber der Aufwand hierfür erschien gigantisch. War es wirklich der Königsweg, die Sonne auf der Erde nachzubauen?

Ein weiteres Aha-Erlebnis hatte ich, als ich berechnete, wieviel CO2 ich persönlich durch meine Dienstreisen in die USA freigesetzt hatte: Es waren über einhundert Tonnen. Trotz aller Kontroversen zum Klimawandel konnte doch niemand im Ernst davon ausgehen, dass Mengen in dieser Größenordnung keine Folgen hätten. Woher nahm ich das Recht, mich an einem so gewagten Experiment mit unserem Planeten zu beteiligen? Ein so energieintensiver Lebensstil erscheint mir moralisch nicht mehr vertretbar.

Die Philosophie

Ich bin Segler. Der Wind ist eine Naturkraft, 100% erneuerbar und ohne Abgase. Es fühlt sich gut an, ihn im Gesicht zu spüren und für die eigene Fortbewegung zu nutzen. Vielleicht empfinde ich deshalb diese Freude, wenn ich mit der Sonne koche. Sie wärmt mein Gesicht - und bereitet mir eine Mahlzeit.

Solarkocher erscheinen mir auch als eine Abkehr von den Verheißungen der Großtechnologie. Warum kompliziert, wenn es einfach geht? Und ich möchte zeigen, was da noch geht.